Häusliche Gewalt

Laura Di Filippo, April 2021

haeusliche-gewalt-blog-beitrag-mensch-un

In diesem Blogbeitrag findest du Informationen zu Anlaufstellen für Betroffene. Außerdem erzählen Marina und Lea in zwei Interviews von Ihren Erfahrungen.

Anlaufstellen für Opfer häuslicher Gewalt

 
phone-call.png

Hier findet ihr die Nummern zum Hilfetelefon

internet.png

Website für Frauenhäuser in Deutschland

  • Suchseite für deutschlandweite Frauenhäuser. Der Verein Frauenhauskoordinierung (FHK) unterstützt deutschlandweit Frauenhäuser und Fachberatungsstellen in fachlicher Hinsicht und bei ihrer politischen Arbeit

  • FHK vernetzt zahlreiche bundesweit agierende Wohlfahrtsverbände und ihre Einrichtungen

https://www.frauenhauskoordinierung.de/hilfe-bei-gewalt/frauenhaussuche/

information.png

Frauenhäuser im Raum Heilbronn/Main-Tauber/Hohenlohe

 
interview.png

Unser Interview mit Marina

eine Betroffene (Name geändert)

Liebe Marina, 

zunächst einmal möchten wir uns von Herzen für dein Vertrauen bedanken diese persönliche Erfahrung mit uns zu teilen. Danke für deine Offenheit - wir wissen, dass es sehr große Überwindung kostet darüber zu sprechen. Wir haben versucht ein paar Fragen zu finden, anhand derer wir deine persönliche Erfahrung bestmöglich schildern können, vor allem aber auch Hilfestellung für Betroffene zu geben.

Du warst in deiner Kindheit selbst Opfer von häuslicher Gewalt. Möchtest du uns in den wenigen Worten deine damalige Lebenssituation schildern? Was ist seither passiert?

Marina: Meine Lebenssituation damals war in einem Wort  zu sagen lebensbedrohlich, das war keine Lebenssituation das man sich für ein Kind vorstellen konnte. Ich war von der ganzen Welt isoliert, ich hatte keine Freunde, wurde ständig für alles was ich getan habe bestraft (körperlich und psychisch). Meine ganze Kindheit war einfach Leben in Angst. Ich wusste einfach, dass ich jeden Tag für etwas bestraft werde die Frage war nur für was. 

Seither ist sehr viel passiert, ich lebe seit 6 Jahren in Deutschland, bin weg von meinen Eltern und sozusagen kein Opfer der häuslichen Gewalt. Ich habe es rausgeschafft. Meine körperlichen Wunden sind geheilt aber meine psychischen Wunden sind noch sehr tief und offen.

Du hattest eine stationäre Therapie und bist nun in ambulanter Behandlung. Könntest du uns näheres zu den Therapieangeboten erläutern? Was hat dir besonders geholfen? 

Marina: Eine Therapie war das Beste was mir passiert ist. Ich habe mich damals überwunden und bin zum Hausarzt gegangen, er hat mich weiter an einen Psychologen geleitet. 

Therapieangeboten (welche ich kenne) sind: 

  • Psychotherapie - Da geht es eigentlich nur drum um sich mit den Sachen auseinander zu setzten sich bewusst zu werden was passiert, wieso und warum, sich Tipps und Ratschläge zu holen wie man damit umgeht.

  • Psychiater - Er behandelt einen rein medikamentös, in meinem Fall war das mich mein Psychiater in eine Reha geschickt hat.

  • Reha-Behandlung - Man ist paar Wochen von allem isoliert mit Menschen, die ähnliche Problem haben. Dazu ist ein Team von Ärzten, Therapeuten und allem was dazu gehört da. Man kriegt jeden Tag unterschiedliche Therapieangeboten und lernt wie man damit umgeht.

  • Akutbehandlung - Also das ist die beste Lösung, wenn was gleich getan werden soll, man lässt sich sofort einweisen in einer Klinik und wird isoliert und es ist eigentlich dasselbe Prinzip wie bei einer Reha nur, dass man bei einer Reha warten muss bis man einen Platz kriegt und dahin kann.

Also mir haben alle diese Sachen geholfen, besonders bin ich mit meiner medikamentösen Therapie zufrieden denn ich hätte das niemals alleine geschafft mich so zu beruhigen, normalen Schlafrhythmus zu kriegen und in einem Alltag zu funktionieren. Und alle andere Angeboten finde ich selber super, weil ohne dies wäre ich grade nicht hier wo ich bin und wäre nicht dazu in Lage überhaupt darüber zu reden.

Welche Auswirkungen haben / hatten die seelischen Belastungen auf deine Leistungen im Beruf?

Marina: Also ich habe Panikattacke was sehr unangenehm werden kann, wenn man Mitte in einer Besprechung grundlos einen Panikanfall bekommt und sich in Atemnot befindet. Ich kämpfe seit paar Jahren mit Schlafstörungen und man kann da ohne Medikamenten nicht im Alltag funktionieren denn man schläft (in meinem Fall) nur tagsüber da wo man eigentlich fit und arbeitsbereit sein sollte. Ich war außerdem sehr lange krankgeschrieben (8 Monate) und da hatte ich auch ständig Angst, ob mich mein Unternehmen kündigt oder nicht. 

Durch so eine Kindheit hat man kein Selbstbewusstsein und ich denke immer, dass ich nicht gut genug bin. Ich habe Angst vor meinen Vorgesetzten.

Was sind deine persönlichen Erfahrungen hinsichtlich der Aufklärung und Akzeptanz des Themas “häusliche Gewalt” in der Gesellschaft?

Marina: Also meine Erfahrungen sind, dass psychische Erkrankungen nicht akzeptiert sind in der Gesellschaft ich versuche das zu verstecken, weil es mir peinlich ist. Paar meiner sehr guten Freunden wissen darüber Bescheid und da schäme ich mich nicht darüber zu reden aber der Rest der Welt sieht das nicht als Krankheit. Man findet die Menschen leider komisch und verurteilt sie ohne die Lebensgeschichte zu wissen. Das Thema häusliche Gewalt ist leider noch sehr Tabu und darüber wird kaum geredet.

Wie war deine Erfahrungen mit behandelnden Ärzten, Therapeuten und zuständigen Behörden? 

Marina: Wie schon gesagt ich finde es super. Es kostet einen Überwindung aber wenn man im Leben weiter machen möchte, wenn man damit abschließen möchte, sollte man alle Angebote annehmen. Man wird nicht bestraft und man wird nicht dafür verurteilt. 

Beschreibe deine heutige Lebenssituation: Wie gehst du heute mit der Situation um? Haben dir die Maßnahmen/ Therapie geholfen wieder in einen strukturierten Alltag zu finden?

Marina: Meine heutige Lebenssituation ist normal, ich habe eine Ausbildung abgeschlossen arbeite grade Vollzeit und mache ein Fernstudium nebenher. Ich wohne in einem sehr angenehmen Umfeld bei meinen Großeltern, habe einen verständnisvollen Freund und tolle Freunden an meiner Seite. Ich bin zufrieden. Ich fühle mich wohl und vor allem sicher. 

Ich befinde mich immer noch in einer Therapie und das tut mir sehr gut. 

Was hat dir besonders geholfen? Was waren wesentliche / erste Anlaufstellen? Was hat dir in dieser schweren Zeit besonders geholfen?

Marina: Mir haben die Therapien besonders gut geholfen und auch natürlich soziales Umfeld ist immer gut ist sehr wichtig.

Wie möchtest du anderen mit deiner Geschichte helfen? Welchen Rat kannst du Betroffenen geben? 

Marina: Mein Rat ist: Wenn du betroffen bist und das hier liest, sei kein Opfer mehr werde jemand dem das passiert ist und der darüber hinweggekommen ist, denn wenn ich es geschafft habe schaffst du es auch. Ich möchte den anderen Mut geben sich erst mal zu akzeptieren sich bewusst zu werden DAS IST NICHT NORMAL, und den Menschen zu helfen da raus zu kommen. Ich bin zu jeder Zeit da, denn ich weiß was es heißt betroffen zu sein.

Wie kann ich mich selbst vor häuslicher Gewalt schützen? Geht das überhaupt? Gibt es erste Warnzeichen? Was würdest du heute anders machen?

Marina: Man kann sich dadurch schützen durch verschiedene Möglichkeiten, man soll da raus weggehen aus diesem Umfeld in Frauenhäuser zum Beispiel.

Warnzeichen:

  • Wenn man körperlich oder psychisch angegriffen wird, wenn man sich nicht mehr im eigenen Haus wohlfühlt.

  • Wenn man isoliert und bestraft wird. 

 

Was ich heute anders machen würde - ich würde abhauen - ich würde weg gehen. Wenn mir sowas nochmal passieren würde, werde ich nicht da jahrelang sitzen, ich werde gleich paar wichtigsten Sachen nehmen und an der erste Türe klopfen wo ich denke, dass mir jemand da helfen könnte.

Und noch zuletzt: Hast du einen Tipp, Ratschlag für uns: Wie kann man Menschen, die von häuslicher Gewalt betroffen sind bestmöglich Unterstützen?

Marina: Ich finde, dass diese Menschen jemanden brauchen der sie unterstützt, jemanden der die psychisch aufbaut und weiterhilft. Das diese Menschen wissen, dass in meinem Haus immer ein Bett frei steht und es Essen für noch jemanden gibt. Das wenn es akut ist, also gerade passiert ich bzw. wir 24h am Tag erreichbar sind. Diese Menschen müssen wissen, dass sie nicht alleine sind!​

 
interview.png

Unser Interview mit Lea

Mitarbeiterin des Frauen- und Kinderschutzhaus im Hohenlohekreis

Hi Lea, schön, dass du hier bist. Kannst du uns kurz sagen in welchem Bezug du zum Frauenhaus stehst? 

 

Lea: Hallo, ich bin Sozialarbeiterin und habe während meines Studiums 2019 mein Praxissemester im Frauen- und Kinderschutzhaus Hohenlohe gemacht und arbeite seitdem dort ehrenamtlich in der Wochenendbereitschaft. 

Warum arbeitest du dort ehrenamtlich? Bist oder warst du selbst ein Opfer von häuslicher Gewalt?

 

Lea: Als Teenie wurde ich das erste Mal durch eine Nachbarin mit dem Thema konfrontiert. Dann tatsächlich erst wieder durch mein Studium, bei dem mich die frauenspezifische Sozialarbeit schon immer irgendwie am meisten interessiert hat. Betroffene war ich glücklicherweise noch nie.

(Ein kleiner Einwurf, ich spreche in dem Interview von weiblichen Betroffenen, weil ich in diesem Bereich Erfahrungen habe, das heißt nicht, dass es nicht auch Gewalt gegen Männer gibt. Viele Studien belegen erschreckende Zahlen und schätzen eine hohe Dunkelziffer.)

 

Wie werden die Menschen bei euch im Frauenhaus Hohenlohe betreut?

Lea: Es gibt dort 5 Zimmer für bis zu 10 Personen, also Frauen mit ihren Kindern. Diese teilen sich 2 Küchen und ein gemeinsames Wohnzimmer. Außerdem gibt es ein Spielzimmer für die Kinder im Keller. Es gibt ein größeres und ein kleineres Büro für die Mitarbeiterinnen für Gespräche mit den Bewohnerinnen, Bürotätigkeiten, Verwaltung usw. Es ist recht beengt, weshalb das Frauenhaus nach über 25 Jahren nun umzieht. Die Adresse des Frauen- und Kinderschutzhauses ist anonym, Post wird über ein Postfach zugestellt. 

Die Klientinnen und ihre Kinder werden unter der Woche von 4 festangestellten Mitarbeiterinnen betreut. Am Wochenende gibt es eine Bereitschaft, bei der der Anrufbeantworter von Ehrenamtlichen abgehört wird und ggf. reagiert wird. Der Träger des Frauen- und Kinderschutzhauses im Hohenlohekreis ist inzwischen das Albert-Schweitzer Kinderdorf. Die Arbeit umfasst die psychosoziale Betreuung, Gespräche und rechtlichen Unterstützungen, jedoch auch ganz lebenspraktische Dinge wie eine neue Wohnung suchen, Hausaufgaben mit den Kindern machen und Betten beziehen, wenn eine neue Frau einzieht. 


 

Was sind die häufigsten Anzeichen für häusliche Gewalt?

Lea: Tatsächlich ist häusliche Gewalt oft unsichtbar. Die größte deutsche repräsentative Studie von Prof. Dr. Ursula Müller und Dr. Monika Schöttle aus dem Jahr 2004 zeigt, dass jede vierte Frau in Deutschland ab ihrem 16. Lebensjahr mindestens einmal in ihrem Leben häusliche Gewalt erlebt, das sind 25%, also jede vierte Frau. Wenn man sich jetzt mal umschaut und überlegt wie viele Frauen man im eigenen Umfeld kennt, von denen man weiß, dass sie häusliche Gewalt erlebt haben, wird diese Unsichtbarkeit sehr deutlich. Ich selbst kann persönlich (abgesehen von meinen beruflichen Erfahrungen) nicht einmal eine Handvoll Frauen nennen. Viele Betroffene haben Angst sich zu ihren Erfahrungen zu bekennen. Dies ist einer der Gründe wieso die Öffentlichkeitsarbeit in dem Bereich so wichtig ist. 

 

Wie zeigt sich häusliche Gewalt und was sind die häufigsten Ursachen?

Lea: Es gibt verschiedene Formen von häuslicher Gewalt. Dazu zählen die körperliche Gewalt wie Treten, Schlagen, Vergewaltigung, Ohrfeigen, Verbrennungen usw. Die psychische Gewalt wie z.B. die Partnerin schlecht machen, Bedrohungen, Beschimpfungen, Isolation und Kontrolle. Die ökonomische Gewalt umfasst alle Arten von Kontrolle und Machtausübung über finanzielle Mittel, wie zum Beispiel keine Vollmacht für ein gemeinsames Konto und damit die wirtschaftliche Abhängigkeit. Soziale Gewalt bezieht sich auf die Isolation der Frau von Freunden und Bekannten, das Verhindern von sozialen Kontakten und Isolierung vom öffentlichen Leben.

Diese Formen kommen oftmals nicht einzeln vor, sondern gemischt und steigern sich oft mit der Zeit in der Intensität. Es wird dadurch immer schwieriger der häuslichen Gewalt zu entkommen. Das ist das besondere an häuslicher Gewalt, sie beginnt meist nicht mit einem Schlag ins Gesicht, sondern mit vielen kleinen oft subtilen Methoden wodurch die Frau in eine Abhängigkeit gerät. Viele Täter entschuldigen sich nach den körperlichen Gewalttaten mit Sätzen wie „du hast mich so verärgert, da ist mir einfach die Hand ausgerutscht“, diese sorgen dafür die „Schuld“ auf das Opfer umzuleiten. Diese besondere Dynamik ist extrem bezeichnend für häusliche Gewalt. Keine Frau heiratet einen Mann, von dem sie weiß er unterdrückt und schlägt sie und wenn die Gewalt einmal begonnen hat, ist es oft nicht mehr so einfach ihr zu entkommen. 

 

Wie kann ich einer Person am besten begegnen, der häusliche Gewalt widerfahren ist?

Lea: Das wichtigste ist die oder den Betroffene/n nicht zu verurteilen. Viele außenstehende denken „sowas könnte mir nie passieren“ oder „ich würde mich wehren“ weil ihnen bei diesen Aussagen die besondere Dynamik von häuslicher Gewalt oft nicht wirklich bewusst ist. 

Wenn du es dir zutraust, biete gerne Hilfe an. Gebe Nummern von Beratungsstellen weiter und/oder biete der Person praktische Hilfe an, wie die Möglichkeit sie/ihn zu einer Beratungsstelle zu fahren. Das allerwichtigste jedoch, bringe die Person und dich nicht in Gefahr. In Notfällen immer die Polizei rufen. 

 

Was kann ich tun, wenn ich selbst Opfer von häuslicher Gewalt bin? Was sind die wichtigsten Schritte? 

Lea: Du kannst dir Hilfe von Beratungsstellen und Einrichtungen wie Frauenhäusern suchen. Im Hohenlohekreis gibt es zudem seit kurzem das Angebot der mobilen Beratung. Diese bietet für Betroffene und Helfer/innen die Möglichkeit sich ortsunabhängig telefonisch oder persönlich beraten zu lassen, beispielsweise zu Hause oder bei einem Spaziergang. Auch wird nach einem Polizeieinsatz in Fällen von häuslicher Gewalt den Betroffenen angeboten, den Kontakt mit der Beratung herzustellen. Dabei können Schritte besprochen werden wie du am besten vorgehen kannst, je nach individueller Situation. Dies kann von darüber sprechen bis hin zu einer Aufnahme in ein Frauenhaus reichen.

 

Du bist mit 25 Jahren ja selbst noch sehr jung. Was würdest du vor allem jungen Frauen gerne mit auf den Weg geben?

 

Lea: Traut euch eure eigenen Lebenspläne zu schmieden, mutig zu sein, unabhängig und auf eure Kräfte zu vertrauen, auch wenn dies oft viel leichter gesagt als getan ist. Wir leben in einer Gesellschaft in der Abhängigkeit von Frauen in gewissem Maße toleriert oder teilweise sogar erwartet wird. Traut euch deshalb neue Wege zu gehen, zu hinterfragen, Probleme und Ungerechtigkeiten anzusprechen, unterstützt euch gegenseitig, seid solidarisch. An alle Betroffenen; traut euch Hilfe zu suchen und anzunehmen, ihr seid nicht allein.